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Kommentar: Kitze jetzt erlegen

Fr., 11.09.2020 - 11:45
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Angesichts aktueller Herausforderungen an Aufforstungen braucht es neue Jagdstrategien – doch dafür müssen zunächst innere Bremshebel gelöst werden. Jagdpraxis-Chefredakteur Matthias Kruse plädiert für die Kitzbejagung im September.

In diesen Spätsommerwochen bietet sich Jägern oft der Anblick von Ricken mit ihren Kitzen. Die noch jungen Kitze verlieren gerade ihr Kindheits­fell, wirken schwach - und niedlich. Diese Bremse in unseren Köpfen ist hochwirksam ... und fatal zugleich.

Jedes Reh, was wir JETZT zum Aufgang des Weiblichen, nicht konsequent erlegen (warum auch immer), bleibt ja auf der To-do-Liste. Und diese Liste wird immer länger, bis die Aufforstungen aus dem Äser sind.

Nachdem die Frühjahrspflanzung auf den riesigen Borkenkäferflächen im Sauerland, Sieger­land, Bergischen Land bis zur Eifel kaum möglich war, kommt es dort im Herbst zum Schwur.

Wenn die mit Milliardenaufwand aus öffentlichen Mitteln geförderten Jungpflanzen eine Chance haben sollen, müssen dort Jagddruck und Abschusszahlen erkennbar erhöht werden.

Um das tierschutz- und waidgerecht hinzubekommen, sollte die Bejagung mit dem Kalenderjahr enden.

Ricke und Kitz in der Winterdecke. (Foto: Julia Schwab / pixabay.com)
Im Winter muss dem Wild unbedingt Ruhe gegönnt werden. Der Rehwildabschuss sollte daher im Herbst erledigt werden. (Foto: Julia Schwab / pixabay.com)

 

September statt Januar
Um aber nicht noch im Januar fehlenden Rehen nachstellen zu müssen – und sie damit bei heruntergefahrenem Stoffwechsel unnötig zu stressen – gibt es keine Alternative zur frühzeitigen Jagd jetzt ab September.

Neben der inneren Bremse wegen der niedlichen Bambis sind für viele Jäger aber auch scheinbare Verwertungsgründe Auslöser dafür, im Spätsommer den Finger gerade zu lassen – die Kitze sollen doch erst noch mal „’n bisschen Speck auf die Rippen“ kriegen. Zumindest auf den ersten Blick ist da sicher was dran.

Klar wiegt ein Winterkitz aufgebrochen um die 3 kg mehr als jetzt im September. Allerdings musss man dabei schon etwas genauer hinschauen – rund zwei Drittel dieses Mehrgewichts finden sich nämlich in der dicken Winterdecke wieder, die man in der Regel ja gar nicht nutzt !

Vor allem mit dem Einsatz von Schalldämpfern (aus Gehörschutz- und Rück­stoß-Gründen sowieso zu empfehlen) steigt dabei wegen der offenbar fehlenden Orientierung die Chance signifikant, nicht nur das Kitz, sondern gleich die Ricke mitzuerlegen.

Musste eine solche nämlich schon ein paar Mal erleben, wie man ihr den Nachwuchs nimmt, werden Du­bletten allein schon unter handwerklichen Gesichtspunkten deutlich schwerer.

Dass dabei selbstverständlich immer unser ewiges, ungeschriebenes Gesetz „Erst Kitz, dann Ricke“ zu gelten hat, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt ...

„Grau is‘ alle Theorie, entscheidend is‘ auf‘m Platz“ lautet eine der legendären Fußball-Weisheiten aus dem Kohlenpott – übertragen auf unsere Herausforderungen in Revieren mit vielen Aufforstungsflächen kann das nur eines heißen: Ganz egal, welche Erklärungen unser Jagdverband auch unterschrieben hat – entscheidend wird sein, dass an und um die Kulturen der Zukunft auf jeden Fall erkennbar mehr Rehe erlegt werden !

Ich wünsche Ihnen und besorgten Wald­bauern, dass möglichst viel schon jetzt im September gelingt.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Erst retten, dann töten?!