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Kein Waldumbau ohne Schutz

So., 13.09.2020 - 17:19
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Dürre, Stürme und Insekten haben in den vergan­genen Jahren den Wäldern massiv zugesetzt. Um Nadelholzrein­bestände in Mischwälder umzubauen, soll vermehrt Reh- und Rotwild erlegt werden. Politik, Forstwirtschaft und Naturschutz fordern, dass dieser Umbau möglichst ohne Schutzmaßnahmen gegen Wild funktionieren soll. Waldbau-Professor Sebastian Hein (Rottenburg) erwartet im Interview mit dem DJV dagegen, dass der Einsatz von mechanischem Einzelschutz sogar zunehmen wird.

DJV: Unsere Wälder sind von Dürre, Sturm und Insekten geschädigt, auf riesigen Flächen sollen jetzt klima­stabile Mischwälder entstehen. Dafür müssen Bäume gepflanzt werden – überleben diese ganz ohne Schutz­maßnahmen?

Prof. Sebastian Hein: In der Waldbewirtschaftung werden verschiedene Schutzmechanismen angewendet. Zäune schützen vor Schäden durch Reh- oder Schwarzwild. Wuchshüllen fördern das Wachstum, geben Forstpflanzen einen Vorsprung zur Konkurrenzvegetation und sind für Pflegemaß­nahmen leichter auffindbar. Wir erwarten, dass die Dürre der letzten Jahre zum steigenden Einsatz solcher Schutzmaßnahmen führt.

DJV: Können trotz angepasster Wildbestände Schutzmaßnahmen sinnvoll sein?

Prof. Hein: Grundsätzlich ist in der Waldbewirtschaftung alles darauf ausgerichtet, die natürliche Wiederbewaldung ohne zusätzliche Maßnahmen zu erreichen.
Doch manchmal gelingt das nicht, etwa mit sehr seltenen Bäume wie Elsbeere oder Speierling oder wenn man Buchen und Eichen in Kiefern- oder Tannen in Fichten­bestände einbringt. Da muss man abwägen und Vor- und Nachteile gegenüberstellen.

DJV: Im März herrscht Jagdruhe, Rehe und Rotwild fressen trotzdem – wie schützt man Forstpflanzen in der Schonzeit vor Verbiss- und Fegeschäden?

Prof. Hein: Jagdruhe ist wichtig und sinnvoll zur Aufzucht von Nachwuchs. Der Blickwinkel der Waldbewirtschaftung in dieser Zeit: Hat der Aufwuchs aus Natur­verjüngung oder der neue Jahrestrieb bestehender Pflanzen eine gleichberechtigte Chance? Es kann durchaus vorkommen, dass durch Versäumnisse in den Vorjahren dann Pflanzen geschützt werden müssen – mit Terminaltriebklemmen, Schälschutzkratzern oder Hordengattern aus Holz. Plastikhüllen ohne Zertifikat zum biologischen Abbau müssen im Wald nach ihrem Einsatz restlos wieder eingesammelt werden!

DJV: Über ein Viertel der Wälder Deutschlands sind immer noch Nadelholzreinbestände – und besonders anfällig. Waldumbau durch Vorbau ist gefordert, welche Maßnahmen sind nötig, um frisch gepflanzte Bäume zu schützen?

Prof. Hein: Waldbewirtschaftung hat seit ungefähr 40 Jahren ein Großprojekt und eine gesellschaftlich sehr wichtige Aufgabe in Angriff genommen und im Klimawandel wird der Waldumbau noch viel drängender. Waldbesitzer sind sehr erfinderisch – von Vergrämung mit Schafwolle oder Schutz durch Drahthosen, Tonkinstäbe in Einmal- oder Mehrfachverwendung ist alles dabei. Solche Maßnahmen sind jedoch sehr zeit- und kosten­aufwendig. Damit das gelingt, empfiehlt sich die Abstimmung zwischen Forst, Jagd, Naturschutz, Eigen­tümern und Öffentlichkeit. Dazu muss gemeinsam vor Ort im Wald diskutiert und abgewogen werden, sonst klappt das Großprojekt Waldumbau nicht.