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Diskussion: Nachtziel-Technik

Fr., 10.07.2020 - 10:22
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In diesem Schwrpunkt dieskutieren ein Waffen-Fachmann und ein Nachsuchenführer die Möglichkeiten und Grenzen von Nachtsicht-Technik, denn kein Thema beschäftigt die Jäger derzeit so sehr wie der Einsatz dieser Technik.

Immer mehr Bundesländer ändern auch ihre Jagdgesetze, um das Schießen mit Aufsatzgeräten zu erlauben. Wir haben zwei Experten um ihre grundsätzliche Einschätzung gebeten – hier zunächst die Einschätzung des Jagdpraxis-Waffen-Experten Norbert Klups:

Sehen wie Eulen in dunkler Nacht ist auch für Menschen ein gewaltiger Reiz. Unser Sehvermögen ist dafür zwar nicht eingerichtet, doch mithilfe der Technik lässt sich die Nacht zum Tag machen – für Jäger ein sehr reizvoller Gedanke, besonders in Zeiten von ASP.

War es bisher streng verboten, Nachtsichttechnik in Verbindung mit Schusswaffen zu nutzen, macht das am 14.2.2020 veröffentlichte Waffengesetz den Weg dazu frei. Künftig sind dem Jagdscheininhaber der Besitz und der Umgang mit sog. Dual-Use-Geräten erlaubt.

Dual-Use-Geräte erlauben Beobachtungen und das Aufsetzen auf Waffen.
Die Auswahl an Nachtsichtgeräten ist sehr groß – vom ausgemusterten Militärgerät bis zur Top-Wärmebildkamera.

 

Solche Geräte müssen auch rein zur Beob­achtung nutzbar sein – und dürfen als Nachtzielgeräte nur in Verbindung mit einer bestehenden Zieleinrichtung (Zielfernrohr) eingesetzt werden.

Echte Nachtsichtzielfernrohre, die ein eigenes Absehen und eine Verstelleinrichtung haben, bleiben weiter verboten. Damit ist der Weg für die Bundesländer frei, auch ihre Jagdgesetze entsprechend zu ändern oder Nachtzieltechnik freizugeben.

Aktuell dürfen Jäger mit Dual-Use-Geräten in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Mecklenburg-Vorpommern auch schießen, andere Bundesländer arbei­ten daran.

Kleines Nachtsicht-Einmaleins
Die Nachtsichttechnik hat in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht – wo früher noch große, sperrige Infrarotgeräte mit eigenem Scheinwerfer und Batteriekasten nötig waren, werden heute handliche Taschengeräte auf Restlichtbasis eingesetzt, auch die Digitaltechnik wird immer besser.

Ein moderner Restlichtverstärker benötigt keine eigene Lichtquelle, sondern verstärkt das überall im Freien vorhande­ne Restlicht. Die komplizierte Elektronik wandelt das gesammelte und verstärkte Licht in einfarbig grüne oder schwarz-weiße Bilder um, die auf einem Bildschirm dargestellt werden.

Restlicht ist fast immer vorhanden, auch wenn die Nacht eigentlich stockdunkel ist. Restlichtverstärker sind nicht auf den Teil des Lichtes angewiesen, der für unser Auge sichtbar ist, sondern können dazu den Infrarot-Bereich verwerten.

Restlicht-Vorsatzgerät
Das Objektiv eines Nachtsichtgerätes muss auf die Leistungsfähigkeit abgestimmt sein, zum Ansprechen braucht man mindestens eine 5- bis 6-fache Vergrößerung (hier: Röhren-Nachtsicht-Vorsatzgerät).

 

Das vom Objektiv erzeugte Bild gelangt an eine Photokathode und wird dort in Strom umgewandelt. Durch das Okular erscheint wie durch eine Lupe ein grünes oder schwarz-weißes Bild, das je nach Leistungsfähigkeit des Gerätes mehr oder weniger deutlich ist.

Wie gut das Bild ist, hängt hauptsächlich von der Qualität der Röhre und des Objektivs ab. Heute sind Röhren der sog. Generation 2 + üblicher Standard – ein guter Kompromiss zwischen Leistungsfähigkeit und Preis. Je besser die Röhre, umso höher Reichweite und Bildqualität.

Das bezieht sich grundsätzlich nur auf die Verwendung ohne Zusatzbeleuchtung, also Infrarot-Lichtquellen wie Laser oder LED-Lampen. Solche Strahler sind heute sehr klein und leistungsstark.

Infrarotes Licht ist für Wild unsichtbar, wenn es eine bestimmte Wellenlänge hat. Für Geräte der Generation 2 und 2+ sind solche Aufheller ideal und erhöhen Reichweite und Bildqualität ganz erheblich.

Unnötige und unsinnige Regelung
Leider verbietet der Gesetz­geber diese nützlichen Hilfsmittel als Hilfe zum Schießen (nicht reines Beobachten) weiter – eine völlig unnötige und unsinnige Erschwerung für Jäger, die auch keinerlei Sicherheitsgewinn bringt, denn eine Zusatzbeleuchtung macht ihren Benutzer für jeden, der zeitgleich Nachtsichttechnik einsetzt, sofort sichtbar.

An dieser Stelle sollte man aus der Sicht der Praxis das Waffengesetz dringend nacharbeiten und Zusatzbeleuchtungen auch für Nachtzielzwecke freigeben. Passiert das nicht, wird die Effektivität bezahlbarer 2+-Röhrengeräte stark eingeschränkt.

Digitale Nachtsichtgeräte sind ohne IR-Aufheller fast gar nicht brauchbar, da sie keine Bildverstärkerröhre haben, sondern nur einen Sensorchip, der vorhandenes Infrarotlicht umwandelt.

Mit der aktuellen Gesetzeslage sind Jäger damit auf sehr teure Geräte mit einer Röhre der Gene­ration 3 oder ein Echo-Photonis-Modell angewiesen, wenn man noch im Wald (schatten) Wild erkennen will, wo kaum Restlicht zu erwarten ist – angesichts der drohenden ASP eine kaum nachzuvoll­ziehende Einschränkung.

Wärmebild-Technik – der Weg in eine künstliche Welt
Die neueste Nachtsichttechnik – Wärme­bildkameras (WBK) – kommt völlig ohne Licht aus und braucht auch keine Zusatzbeleuchtung. Von jedem Objekt gehen elektromagne­tische Wellen aus. Abhängig von seiner Temperatur strahlt Materie unterschiedlich stark.

Diese Strahlung ist allerdings für das menschliche Auge nicht sichtbar, weil sie sich im Infrarot-Bereich bewegt. Um Temperatur-Unterschiede in der Umge­bung sichtbar zu machen, benötigt man eine Technik, die diese Infrarot­wellen in das für uns sichtbare Licht­spektrum verschiebt.

Wärmebild-Vorsatzgerät
Ein auf einer Jagdbüchse montiertes Wärmebild-Vorsatzgerät.

 

WBKs können Temperaturunterschiede messen und visualisieren, indem sie Infra­rotstrahlen sichtbar machen, die alle Objekte abgeben, egal ob bei Tag oder Nacht. Da es für eine solche Kamera gleich ist, welche Lichtverhältnisse im normalen Lichtbereich herrschen, bietet sie sich als Nachtsichtgerät geradezu an.

Militär und Behörden benutzen WBK-Technik schon lange, um Gegner im Dunkeln auszumachen oder menschliche Körper bei Rettungen schnell zu finden. Mit einer WBK lassen sich bei der Jagd gegenüber der Umgebung deutlich wärmere Wildkörper sichtbar machen.

Das lässt sich nutzen, um festzustellen, ob sich Wild in der Umgebung befindet.

Ein scharfes, deutliches Bild wie Röhren-Nachtsichtgeräte liefern WBKs nicht. Sie sind aber überlegen, wenns darum geht, Wild aufzuspüren (wie bei der Kitzrettung durch Drohnen), anhand der Konturen lässt sich auch die Wildart in der nähreren Umbegung sehr gut bestimmen. Dafür ist ein exaktes Ansprechen eher schwierig.

Eine WBK kann durch Sträucher oder Pflanzen kein Wild aufzuspüren, der Wildkörper muss schon erfassbar sein. Sauen auf dem Acker sind noch auf 1.000 m als leuchtende Lichtbälle erkennbar, aber wenn sie im Mais stecken, bringt auch die beste WBK nichts.

Auch diese Technik gibts als Dual-Use-Gerät, das sich vorn aufs Objektiv setzen lässt. Restlichtverstärker und digitale Nacht­sichtgeräte können auch hinter ein Zielfernrohr gesetzt werden, was aber den Augenabstand erheblich verkürzt und den Anschlag erschwert. Daher sind Vorsatzgeräte deutlich beliebter.

WBKs lassen sich so gar nicht nutzen, denn durch die Linsen eines Zielfernrohres sind sie wirkungslos.

Digitales Nachtsichtgerät
Viele Geräte wie diese digitale Dual-Use-Variante von Pulsar, sind mit einem fest installierten Infrarot-Laser ausgestattet, der die Leistung erheblich verbessert – nach derzeitigem Recht zur Beobachtung erlaubt – aber nicht im Einsatz als Vorsatzgerät zum Schießen.

 

Vor- und Nachteile beim Zielen
Digitale Nachtsichtgeräte sind günstig, nehmen auch keinen Schaden, wenn man sie tagsüber einschaltet (was man bei Röh­rengeräten tunlichst unterlassen sollte !), und haben eine hohe Lebensdauer.

Reparaturen sind meist günstig – im Gegensatz zu Röhrengeräten, wenn der Bildwandler selbst betroffen ist. Dafür sind digitale Nachtsichtgeräte in der Handhabung deutlich komplizierter, da man auf einen Bildschirm schaut. Auch in der Abbildungsqualität kommen sie an Röhrengeräte lange nicht heran.

Solange IR-Aufheller nicht erlaubt sind, lassen sich digitale Nachtsichtgeräte nur an der Kirrung nutzen – und auch nur im Feld und nicht im Wald. Röhrengeräte sind sehr einfach in der Handhabung – wenn der Hersteller die Bildröhre auf einem Kollimator genau ausrichtet, liegen Treffpunktlageabweichungen auf 100 m unter einem MOA (2,91 cm).

Bei Markengeräten ist davon zwar auszugehen, aber ein Probeschuss auf dem Schießstand sollte bei jedem Restlichtverstärker obligatorisch sein. Bei ausreichendem Restlicht sind Röhren-Verstärker auch ohne IR-Aufheller nutzbar. Je besser (= teurer) die Röhre ist, desto deutlicher ist das Bild.

Wärmebildkameras haben eine sehr hohe Reichweite und brauchen kein Licht. Dafür sind sie auf deutliche Tempe­ratur­unterschiede angewiesen. Nach einem heißen Sommertag ist die Abbildung auch bei Dunkelheit eher mäßig, denn es braucht Zeit, bis die Umgebung abkühlt und Wildkörper eine deutliche Wärmesignatur abgeben.

Auch dabei spieledie Qualität und damit der Preis eine große Rolle. Je besser die Auflösung von Sensor und Bildschirm und je höher die Bildwiederhol­rate, umso besser ist das sicht­bare Ergebnis.

Brauchen Jäger Nachtzieltechnik?
Handgehaltene WBKs gibts auch im unteren Preisbereich, brauchbare Dual-Use-Geräte ab etwa 3.000 €. Auch WBKs sind komplizierter in der Handhabung als Restlichtverstärker und müssen eingeschossen werden, auch hier schaut man ja durchs Zielferrohr auf einen Bildschirm.

Für alle Vorsatzgeräte braucht man einen sehr guten Montageadapter, um sie sicher und spielfrei am Zielfernrohr zu fixieren. Besonders bei WBKs und Digital-Geräten gilt es, höllisch aufpassen – setzt man sie auch nur leicht verdreht auf, kann es zu Treffpunktlageabweichungen kommen.

Gute Nachtsichttechnik eröffnet dem Beobachter ganz neue Welten, man sieht Dinge, die man bisher kaum vermutete. Größter Vorteil ist sicher die Möglichkeit, zum Ansprechen von Wild bei schlechtem Licht  also erkennbar mehr zu sehen als lediglich dunkle Klumpen.

Ein gutes Nachtsichtgerät zeigt noch kleinste Details, so sind Frischlinge im hohen Gras kaum zu übersehen, besonders mit einer Wärmebildkamera. Ein Nachtsichtgerät verschafft Gewiss­heit vor dem Schuss und kann so Fehl­abschüsse verhindern.

Durch ein gutes Röhrengerät oder eine hochwertige WBK lassen sich noch auf 80 m die angesaugten Striche einer Bache oder der Pinsel eines Keilers erkennen. Die Erkenntnisse aus Ländern, in denen Nachtzieltechnik zur Jagd schon länger erlaubt ist, zeigt, dass damit eine effektivere Sauen-Bejagung möglich ist.

Auch meine eigenen Erfahrungen damit sind durchweg positiv. Besonders eine gute WBK möchte ich heute nicht mehr missen – weniger zum Schießen (dazu ist mir ein Restlichtverstärker wegen des besseren Bildes wesentlich lieber) als zum Entdecken von Wild.

Sieht man eine Rotte auf einige Hundert Meter (WBKs zeigen bei guten Umgebungsverhältnissen auf 1,5 km noch an, was da ist), ist es kein Problem, sie bei passendem Wind anzugehen. Ist man auf Schussdistanz heran, lassen sich passende Fischlinge leicht heraussortieren.

Ohne diese Technik hätte man die Rotte nicht einmal bemerkt ...
Zweiter großer Vorteil ist das Absuchen des Hinterlandes vor der Schussabgabe – eine Prozedur, die man bei schlechtem Licht automatisieren sollte. Wärme­signaturen sind sofort sichtbar, unbeabsichtigte Paketschüsse dürfen somit beim Einsatz einer WBK nicht mehr vorkommen.

Alles im Hintergrund, was eine Wärme­signatur abgibt wie Wanderer, Mitjäger, Betrunkene oder Soldaten bei der Nachtübung, springt sofort ins Auge – gerade beim Pirschen in der Nacht, wo man nie genau weiß, wo man gerade ist, ein sehr wichtiger Aspekt.

Die für mich optimale Kombination zur Nachtjagd auf Sauen ist daher eine handliche Wärmebildkamera zum Wild-Entdecken und Anpirschen und ein hochwertiger Restlichtverstärker als Vorsatzgerät (Dual Use) zum sicheren Schuss.

Restlichtverstärker liefern detailreichere und realistischere Bilder, man kann dadurch auch besser sehen, ob ein Stück breit steht, was mit WBKs deutlich schwieriger ist. Sehr wichtig ist es, sich bei der Schuss­entfernung Grenzen zu setzen – nur weil man mit einer WBK oder einem guten Restlichtverstärker eine Sau auf 250 m noch gut sehen kann, heißt das noch lange nicht, dass man sie auch sauber trifft.

80 bis 100 m sollte man sich als Grenze setzen – ganz egal, ob 4-Punkt-Auflage, Zauber-Schießstock oder was auch immer. Jenseits davon bleibt der Finger gerade – man wartet, ob sie näher ziehen, oder pirscht sie an, was bei Sauen sehr oft möglich ist.

Was bringt die Zukunft?
Die Technik wird sich weiterentwickeln, die Geräte werden leistungsfähiger und kleiner, schon bald wirds Wärmebild- und Restlichttechnik kombiniert in einem
Gerät geben wie heute schon beim Militär.

Ob die Preise sinken, wird sich zeigen, zumindest bei Röhrengeräten wohl eher nicht – dafür gibts zu wenige Hersteller, und der Bedarf auf dem Behördenmarkt ist zu groß.

Hier geht's zur Stellungnahme des erfahrenen Nachsuchenführers Guido Erben.