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Gedanken eines Schweißhundführers

Fr., 10.07.2020 - 10:33
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Profis am langen Riemen müssen am Ende den Ausputzer spielen, wenn etwas schiefgegangen ist. Die folgenden Gedanken und Erfahrungen eines Schweißhundführers fallen wie üblich unter das Beichtvater-Prinzip – Orte und Beteiligte werden zwar nicht genannt, sind aber keinesfalls frei erfunden.

Mit dem Einzug der Nachtsichttechnik wird derzeit ein Teil der Jagdausübung – der nächtliche Ansitz – sehr stark beeinflusst. Oft werde ich in den letzten Monaten gefragt, wie dazu meine Position sei.

Als der Jagdpraxis-Chefredakteur Matthias Kruse wissen wollte, ob ich Erfahrungen und Einschätzungen beitragen könne, ging er sicher davon aus, dass ein Schweißhundführer eine eher kritische Haltung einnehmen werde.

Aber was haben wir eigentlich mit Nachtsichttechnik zu tun? Im Grunde doch nichts! Ich sehe es als meine Hauptaufgabe an, verletztes Schalenwild nachzusuchen und waidgerecht zur Strecke zu bringen – welche Umstände zu seiner Verletzung führten, geht mich nur in soweit etwas an, wie es die Entscheidungen für meine Arbeit beeinflusst.

Rotwild im Liemke Merlin 42
Nachtzieltechnik kann zu weiten und gefährlichen Schüssen verleiten. Die Anwender müssen sich ihrer Verantwortung und den eigenen Fähigkeiten bewusst sein.

 

Egal, ob  Auto, kleine oder große Kugel, Blei oder Kupfer, Tages- oder Nachtzeit – welche Umstände auch immer zu der Verletzung führten: Schweißhundführer versuchen, ihre Arbeit so gut wie möglich zu machen, und enthal­ten sich grundsätzlich jeg­licher Kommentare.

Und dennoch haben die meisten Ände­rungen in puncto Bewaffnung, Munition oder Technik in der Regel auch Auswirkungen auf unsere Arbeit. Nachsuchenführer können daher schon sehr früh Erfahrungen sammeln und Jäger in von ihnen unterstützten Revieren mit diesen Informationen versorgen.

Mehr oder weniger Nachsuchen?
Wenn es gesellschaftlicher und gesetzlicher Konsens ist, dass Nachtsichttechnik in Zukunft eine wesentliche Rolle bei der Jagdausübung spielen soll, werde ich auch in diesem Fall jede Form tierschutzgerechter Jagd unterstützen und bringe dazu Erfahrungen und Einschätzungen ein.

Dabei interessiert natürlich zuallererst die Frage, ob durch den Einsatz dieser Technik mehr oder weniger Nachsuchen anfallen. Dazu liegen weder mir noch Kollegen aus anderen Bundesländern belastbare Untersuchungen vor. Voraussichtlich wird es noch Jahre und umfangreiche Datensammlungen dauern, bis man diese Frage fundiert beantworten kann.

Systematisch hat die Technik sicher Vorteile, weil sie unter schlechten Lichtverhältnissen grundsätzlich sowohl ein besseres Ansprechen wie auch sicherere Schüsse erlaubt.
Möglicherweise verleitet sie in mancher Situation aber auch zur riskanteren Schussabgabe.

Ich persönlich schätze, dass sich positive wie negative Effekte durch den Einsatz von Nachtsichttechnik ausgleichen werden und sich die Anzahl der Nachsuchen im Durchschnitt nicht ändern wird.

Elektronischer Schweißhund?
In der Werbung propagiert wird der Einsatz von Wärmebildtechnik auch zur Unterstützung von Nachsuchen. Tatsächlich ist es jedoch so, dass längst nicht jeder Tropfen Schweiß durch eine Wärmebildkamera sichtbar wird.

Selbst ein großer Fleck Lungenschweiß wird im höheren Gras nicht mehr detektiert. Unter manchen  Umständen (abhängig von Stehzeit und Außentemperatur) sind auch frei sichtbare Schweißtropfen im Bildschirm nur ganz kurze Zeit erkennbar.

Verendete Stücke im Altholz oder niedrigem Bewuchs sind relativ sicher zu finden, doch schon bei etwas höherem Bewuchs, Gräben oder Wurzeltellern lassen sich allein mit einer Wärmebild­kamera selbst größere Wildkörper nicht finden.

Ich glaube, dass Wärmebildtechnik tatsächlich sehr hilfreich sein kann, frisch verendete Stücke im Sichtbereich zu finden. Mit dem eigentlichen Begriff der Nachsuche hat das jedoch nichts zu tun.

Diese wird auch in Zukunft ohne t geschrieben, findet also ausschließlich bei Tageslicht statt und bedarf nach wie vor eines firmen Hundes und seines erfahrenen Führers – vertrauen Sie deshalb nicht blind und allein der teuren Technik.

Besinnen Sie sich auf Ihre Instinkte und handwerklichen Fähigkeiten, und trauen Sie einem brauchbaren Hund eher als jeder Wärmebildkamera. Vor allem gehen Sie bitte auch im Dunkeln nicht weiter hinter kranken Stücken her, als Sie es ohne Technik bisher auch getan hätten.

Trügerische Schein-Sicherheit
Beobachtungen außerhalb von NRW zeigen, dass beim Einsatz von Nachtzieltechnik Probleme auftreten, die zu Nachsuchen führen können. So finden sich etwa bei der Feldjagd immer wieder Anschüsse in Entfernungen zum Ansitz oder dem Standort des Schützen, die man für unmöglich halten würde.

Offen­sichtlich hat die Technik Nachteile beim Schätzen der Entfernung. Gleichzeitig suggeriert ein helles und deutliches Zielbild (WBKs liefern ein künstliches, also nicht reales Bild) eine Sicherheit, die vergessen lässt, dass sich durch das Videobild weder eigene schießtechnische Fähigkeiten noch objek­tive Grenzen von Waffe und Kaliber ändern.

Es ist beeindruckend, wie diese Technik die Wahrnehmung auch erfahrener Jäger beeinflusst. Das Videobild scheint eine  verführerische und trügerische Sicherheit zu suggerieren, die sich in der Realität oft genug aber leider nicht bestätigt.

Restlichtaufheller zeigt Bache mit Frischlingen
Unzweifelhafter Vorteil jeder Nachtsichttechnik ist die deutlich erhöhte Detailerkennbarkeit –
zumindest auf Kirrungsentfernung.

 

Jagd ist kein Video-Spiel
Da sich eine bundesweite Freigabe der Nachtzieltechnik abzeichnet, wäre es wünschenswert, wenn sich jeder, der sie einsetzen will, zuvor diese Illusion bewusst macht. Jagd ist kein Video-Spiel!

Der verantwortungsvolle Umgang mit der Technik erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Verantwortung. Schät­zen Sie daher die Entfernungen und Ihre Möglichkeiten genauso kritisch ein, wie Sie es am Tage auch ohne Technik tun würden.

Auch beim Ansitz an der Kirrung kann die ungewohnte Darstellungsqualität einen problematischen Einfluss haben –  indem sie dazu verleitet, den Haltepunkt vom sicheren Blatt hinter den Teller zu verlagern.

Die Technik verändert aber weder etwas an der kleinen Zielfläche noch an unvorhersehbaren Bewegungen des Wildes. Schüsse hinter den Teller bleiben aus Sicht des Schweißhundführers daher auch mit Technik abzulehnen – mag das auch x-mal gelingen, können doch schon im nächsten Fall eine am Ende erfolglose Nachsuche – und unnötiges, vermeidbares Tierleid die Konsequenz sein. Sind das am Ende des Tages 500 g Gulasch vom Schulterblatt wert?

Verantwortung und Grenzen erkennen
Fertigungstechniken, Waffen, Montagen und Zieloptiken haben sich in den letzten Jahrzehnten so rasant entwickelt, dass sie eine enorme Qualität und Wiederkehrgenauigkeit ermöglichen. Trotzdem wird jeder feststellen, dass ein Lauf- oder Optik-Wechsel nie ohne Probeschuss möglich ist.

Das gilt natürlich erst recht für Anbauteile, mit denen man weiter als auf Kirrungsentfernung schießen will.

Wenn Sie also entsprechende Technik benutzen wollen oder müssen, lassen Sie sich sorgfältig darauf einweisen und schulen, prüfen Sie Treffpunktlage und Funktion am Schießstand genauso, wie Sie es auch ohne Technik gemacht hätten.

Wie so oft beim Einsatz einer neuen Technik liegen Möglichkeiten und Risiken dicht beieinander. Welchen Einfluss der Einsatz von Nachtzieltechnkik auf die Nachsuchenarbeit haben wird, muss sich erst noch zeigen. Am Ende wird es darauf ankommen, wie sorgfältig und gewissen­haft sie eingesetzt wird.

Wenn diese Erfahrungen und Einschätzungen dazu beitragen könnten, wäre dies im Sinne der Sache.