Verantwortung und Selbstkritik: die Jagd als Spiegelbild
Die Jagd zeigt, wie ehrlich wir mit uns selbst sind und es gibt Momente,
von denen wir erzählen und solche, über die wir lieber schweigen.
Wir müssen jeden Tag mutig genug sein, das eigene Handeln kritisch
zu hinterfragen. Zwischen „Können” und „Wirklich-Sollen” liegt oft nur
ein Atemzug, in dem sich unser Charakter als Jäger entscheidet.
Wer jagt, greift bewusst in den Kreislauf der Natur ein. Wir nehmen Leben, um Leben zu erhalten: Wildbestände zu regulieren, Lebensräume zu pflegen, Wildschäden und Seuchen zu verhindern, Verkehrsunfälle zu reduzieren, hochwertiges Fleisch zu gewinnen. Jagd ist Naturschutzaufgabe, Kulturgut und gelebte Verantwortung. All das sind gute, richtige und wichtige Gründe.
Aber genau diese Gründe dürfen nie zu bloßen Formeln werden, die wir uns automatisch zurechtlegen, sobald der Finger am Abzug ist. Sie sind ein Auftrag – kein Freifahrtschein. Zwischen „Dürfen“ und „Müssen“ liegt ein großer Unterschied. Nicht jeder Anblick ist ein Anlass zum Schuss. Nicht jede Gelegenheit im Revier ist auch eine, die wir nutzen sollten. Wir bewahren Traditionen, Bräuche und eine besondere Form von Naturverbundenheit. Doch all diese positiven Aspekte hängen an einem entscheidenden Punkt: an der inneren Haltung des Jägers.
Technik, Ausrüstung, Abschusspläne – alles wichtige Aspekte. Aber entscheidend ist, was in dem Moment in uns vorgeht, in dem wir allein auf dem Ansitz sitzen und eine Entscheidung treffen müssen.
Die Jagd ist demnach immer auch ein Spiegel. Sie zeigt uns, wie konsequent wir wirklich verantwortungsvoll handeln – nicht nur, wie wir es gern von uns behaupten.
Sekunden der Wahrheit
Wer ehrlich ist, kennt sie: die Sekunden, in denen innere Stimmen miteinander ringen. Die Dämmerung fällt, das Licht wird knapp. Ein Stück Rehwild tritt aus der Dickung, äugt, zieht vertraut. Man spricht es an – ziemlich sicher, aber nicht hundertprozentig. Die Entfernung ist grenzwertig, aber gerade noch „machbar“. Der Gedanke schiebt sich in den Vordergrund: „Das wäre jetzt ein schöner Abschluss für den Abend …“
Und dann tauchen sie auf, diese Fragen im Kopf:
• Reicht das Licht wirklich noch für einen absolut sicheren Schuss?
• Habe ich das Stück sauber, zweifelsfrei angesprochen?
• Passt die Entfernung?
• Oder will ich jetzt vor allem „Erfolg haben“, damit der Abend nicht „vergeblich“ war?
Genau in diesem Moment entscheidet sich, was für ein Jäger man ist. Nicht in den Geschichten am Stammtisch. Nicht im Streckenfoto. Sondern im stillen Augenblick, in dem niemand zuschaut und niemand applaudiert.
Wahre jagdliche Größe zeigt sich nicht an der erfolgreichen Strecke, sondern an den Situationen, in denen wir uns bewusst gegen den Schuss entscheiden. Wenn wir das Stück ziehen lassen, obwohl es „irgendwie gehen könnte“. Wenn wir die Waffe entsichern – und dann doch wieder sichern, weil irgendetwas nicht passt, weil das Bauchgefühl widerspricht. Wenn wir akzeptieren, dass auch ein jagdlicher Abend ohne Schuss ein voller Erfolg sein kann.
Selbstkritik als Schutzschild
Selbstkritik ist kein Angriff auf die Jagd, vielmehr ist sie ihr Schutz. Sie schützt das Wild vor unnötigem Leid, unser eigenes Gewissen vor nagenden Zweifeln, das Bild der Jagd in der Öffentlichkeit vor berechtigter Kritik.
Wer sich als Jäger nicht mehr hinterfragt, verliert irgendwann den inneren Kompass. Dann wird aus Waidgerechtigkeit Routine, aus Ehrfurcht Gewohnheit und aus Verantwortung ein Automatismus. Die Folgen sehen wir nie sofort. Aber sie schleichen sich ein:
Der „knappe“ Schuss, der gerade noch gut gegangen ist, wird zur persönlichen Norm. Die Ausrede „Das sah im Glas besser aus“ tritt öfter an die Stelle von ehrlicher Analyse. Das Nachdenken nach einer schwierigen Situation verkürzt sich auf: „Hat ja geklappt.“
Gerade weil Jagd so viel Gutes bewirken kann, braucht sie Jäger, die sich nicht mit „gerade noch vertretbar“ zufriedengeben, sondern den eigenen Anspruch höher legen.
Ein lebenslanger Lernprozess
Wer lange jagt, weiß, dass es Vollkommenheit nicht gibt. Fehler passieren, trotz Ausbildung, Übung und gutem Willen. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Ein verantwortungsvoller Jäger redet Fehler nicht klein, sondern analysiert sie ehrlich, sucht das Gespräch mit (erfahrenen) Mitjägern, bildet sich weiter, in dem auch Zweifel, schwierige Situationen und bewusste Verzichtsmomente Platz haben.
Jagd ist ein lebenslanger Lernprozess, und gerade das macht ihren Wert aus. Sie fordert uns als Mensch in Geduld, Selbstbeherrschung, Klarheit und Demut.
Würde bewahren
Ein guter Jäger fragt sich nicht, „darf ich das?“, sondern vor allem, „soll ich das – heute, hier, in genau diesem Moment?“.
Nur wer so denkt und handelt, verteidigt nicht nur das Bild der Jagd nach außen, sondern bewahrt auch sein eigenes Gewissen. Und vielleicht ist das der wichtigste Maßstab überhaupt.
Jagd bleibt nur dann etwas Ehrenwertes, wenn wir nie aufhören, uns selbst kritisch zu betrachten. Genau darin liegt ihre wahre Würde – und unsere
als Jäger. Benedikt Schwenen