NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger bei den Jägern in Warendorf

Lesezeit
3 minutes
Bisher gelesen

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger bei den Jägern in Warendorf

Erstellt in
Kommentare

Die Kreisjägerschaft Warendorf ist im Landesjagdverband NRW beispielgebend in Sachen Natur- und Artenschutz sowie Niederwildhege. Zur Jahreshauptversammlung in Everswinkel war mit dem NABU-Präsidenten (auf dem Foto links) ein ungewöhnlicher Redner geladen.

Mehr als 300 Teilnehmer aus dem ganzen Münsterland, Repräsentanten befreundeter Jägerschaften wie die KJS-Vorsitzenden von Gütersloh, Münster und Coesfeld, aus der Landwirtschaft sowie zahlreiche Vertreter der Lokal-, der Landespolitik und zwei Mitglieder des LJV-Präsidiums (Vizepräsident Hans-Jürgen Thies MdB/Petra Bauernfeind-Beckmann) freuten sich auf einen interessanten Abend.

Nach Begrüßung durch den Vorsitzenden der Kreisjägerschaft Warendorf Josef Roxel betonte Landrat Dr. Olaf Gericke die konstruktive Zusammenarbeit zwischen Jägern und Naturschützern im Projekt W-Land, bei dem im letzten Jahr unter anderem 2.000 lfm Hecke angelegt, 2.600 Hecken- und Waldrand-Pflanzen in die Erde gebracht wurden und auf 59 Teilflächen insgesamt 15,1 ha Strukturbrücken entstanden. Der Landrat sicherte unter Applaus auch die Fortführung der Kreisförderung für 2024 zu.

„Eigentlich eint uns mehr als uns trennt“, eröffnete der stellvertretende Vorsitzende der KJS Warendorf Markus Degener den Vortrag, „denn im Kreis Warendorf ist die Kreisjägerschaft der größte Naturschutzverein der sich wie der NABU in der Verantwortung sieht, die Artenvielfalt zu erhalten. Bei manchen Arten sei es diesbezüglich schon „fünf vor zwölf“, bei anderen bereits 12 Uhr. Wichtig sei es, zu erkennen, dass es ums große Ganze geht und nicht nur um Partikular-Interessen.

NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger ist selbst aktiver Jäger und auch bekennender, die Hälfte seiner Familie aus Niedersachsen besteht aus aktiven Milchbauern. Die Bundesversammlung des NABU habe erst vor Kurzem zu einer „naturverträglichen Jagd als Form der Landnutzung“ ein klares JA gesprochen. Diese müsse allerdings Kriterien der Nachhaltigkeit entsprechen und dürfe ethischen Prinzipien nicht widersprechen. Aus Sicht des NABU habe sich die Situation jedoch schon stark zum Guten hin verändert, da es die Jagd als „reine Trophäenzüchterei“, wie sie die Diskussionen der 1980er-Jahre bestimmte, heute so nicht mehr gebe. Darüber hinaus sei es auch seine Meinung, dass „Rehe und Hirsche in den Wald gehören“.

Wesentlich, so Krüger, sei es zukünftig Konzepte zu regionalisieren und sich dabei an ländlichen Regionen zu orientieren. Da NABU-Mitglieder oft aus dem urbanen Raum kommen, müsse eine „gemeinsame Brückenbauer-Funktion“ etabliert werden, damit sich Stadt und Land wieder annähern.
So lädt der NABU-Chef Kollegen, die der Jagd kritisch gegenüberstehen, dazu ein, mit ihm auf die Jagd zu kommen. Der NABU selbst verfügt über 33 Eigenjagden!

Differenzen beim Prädatoren-Management

Beim Management von Beutegreifern (früher nannte man das schlicht „Raubwild-Bejagung“) zeigten sich die größten Differenzen: Der NABU unterstützt etwa Fallenjagd nur, wenn diese „dem Schutz bedrohter Arten“ diene – also nicht als selbstverständliche Hege-Maßnahme im Niederwildrevier zur Stützung der Besätze von Hase und Fasan oder der Reduktion invasiver Arten wie dem Waschbär.

Krüger sah keinen Sinn darin, viele Füchse zu schießen, wenn dies keinen Effekt erziele. Markus Degener erläuterte, dass allein im Kreis Warendorf im vergangenen Jagdjahr 2.200 Waschbären erlegt wurden! Degener: „Nur wer nicht gefressen wird, und die Chance bekommt aufzuwachsen, kann auch schöner Wohnen!“

Dauerstreit um den Wolf

In der anschließenden engagierten Diskussion kamen Jäger und Landwirte natürlich auch schnell auf den Wolf zu sprechen. Danach gefragt, ob der „günstige Erhaltungszustand“ des Wolfes nicht längst schon erreicht sei und wir mittlerweile zu viele Wölfe in Deutschland haben, antwortete Krüger, dass man das doch noch nicht sagen könne, da der Wolf immer noch dabei sei, im Westen und Süden Deutschlands geeignete Lebensräume zu besetzten. Erst wenn alle möglichen Reviere besetzt seien, könne man sehen, wie viele Wölfe wir letztendlich haben. Danach würde sich die Population natürlich regulieren. Die Beantwortung des „günstigen Erhaltungszustands liege allein beim Bundesamt für Naturschutz (BfN) – also und nicht beim NABU. Die Aufnahme von Wölfen ins Jagdrecht lehnt der NABU ab, da sich allein daraus keine Verbesserung der Situation ergeben würde. In Frankreich etwa würden Wölfe bejagt  dennoch gäbe es dort signifikant mehr Risse als bei uns. Undifferenzierte Abschüsse würden Rudelstrukturen aufbrechen und de facto zu mehr als zu weniger Rissen führen.

Grundsätzlich trage auch der NABU die Möglichkeit mit, einen Wolf oder auch mehrere, wenn nötig zu entnehmen, sollten Herdenschutzmaßnahmen nachweislich überwunden worden seien. Krüger dazu im Vorgespräch mit dem Wochenblatt wörtlich: „Dann müssen Sie die NRW-Wolfsverordnung einfach mal anwenden!“

Als Ralf Reckmeyer (Vorsitzender KJS Gütersloh) die Frage nach der Zukunft des Muffelwilds stellte (mittlerweile an vielen Orten auch längst eine bedrohte Art), ließ Krügers Antwort dazu keine Fragen mehr offen  Muffelwild gehöre nicht in unsere Ökosysteme, der Wolf schon.

Die Anregung Krügers das Miteinander von Nutzern und Schützern auf eine andere Basis zu stellen („Honorieren statt Subventionieren“) sorgte unter anwesenden Landwirten für wenig Begeisterung. So beklagte sich Dirk Schulze Pellengahr (stellvertretender WLV-Vors. Kreis Coesfeld) bitter darüber, dass die Politik durchaus naturschutz-offenen Landnutzern in der Vergangenheit vollmundig viel versprochen hätte – was sich am Ende immer wieder als leere Versprechungen herausgestellt hätte.

Weitere Anwesende erinnerten den NABU-Präsident in diesem Zusammenhang an massive Auflagen zur Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln in ursprünglich gemeinsam mit Naturschützern im Kreis Soest vereinbarten Vogelschutzgebieten – ein Vertrauensbruch erster Güte.

Krüger verstand all diesen Frust – und doch war sein Appell eindeutig und versöhnlich: Auch wenn es oftmals noch an „Ur-Vertrauen“ fehle, wolle er persönlich alles dafür tun, auch weiter Brücken zwischen Naturschützern, Jägern und Landwirten zu bauen!“

Autor: Matthias Kruse