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Test: Kipplaufbüchse Prinz No. 1

Fr., 15.03.2019 - 11:45
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Schon im Zweiten Weltkrieg verriegelten Schiffsgeschütze mit einem Fallkeilverschluss. Bei Jagdwaffen ist das System eine Premiere – Norbert Klups hat die führige Prinzessin mit Pfiff für uns getestet.

Kipplaufbüchsen sind geradezu der  Inbegriff führiger und eleganter Jagdwaffen. Wer so etwas führt, demonstriert damit eine jagdliche Einstellung, bei der Feuerkraft und rückstoß­starke Magnumkaliber keine Rolle spielen.

Leichte Einschüssige sind bevorzugte Waffen besonnener Jäger, denen es nicht aufs Streckemachen ankommt, sondern die ihr Wild mit präzisem Kugelschuss er­legen – und in heiklen Situationen auch mal den Finger gerade lassen.

Bergjäger schätzen sie wegen des geringen Gewichtes und der Möglichkeit, sie zerlegt im Rucksack zu transportieren – mit wenigen Handgriffen ist sie zusammengesetzt und schussbereit.

Die No. 1 ist der Inbegriff einer schlanken, eleganten Kipplaufbüchse. Technisch ist sie aber hochmodern und bietet viele innovative Details.

Der Fallkeilverschluss
Der Block des Fallkeilverschlusses wird spannungsfrei in doppelreihigen Schienen geführt. Lauf und Verschlussblock bilden bei geschlossener Waffe eine Einheit, die Rückstoßkräfte werden nicht mehr auf den Stoßboden des Kastens übertragen, sondern vom Verschlussblock aufgenom­men.

Prinz No. 1 Block im Kasten
Kasten mit eingesetztem Block.

 

Kippt man den Lauf ab, bleibt der Block im Kasten und das Patronenlager wird frei zugänglich. Der Verschlussblock steht immer im gleichen Winkel zum Patronenlager. Der Schlagbolzen ist federnd im Verschlussblock gelagert.

Systemkasten, Hakenstück und Verschlussblock sind aus Chrom-Molybdän-Stahl, Verspannungen durch thermisch bedingte Materialausdehnengen innerhalb der Bau­gruppe werden so vermieden, was der Präzision zu Gute kommt.

Der Systemkasten kann dank des hakenlosen Fallkeils sehr flach gehalten werden. Der Verschlussblock lässt sich ohne Werk-­zeug herausnehmen, gut zum Reinigen und ein Sicherheitsaspekt: bei entnommenem Block ist die Büchse unbrauchbar, auf Reisen interessant, wenn die Büchse im Hotelzimmer oder bei kurzen Stopps im Wagen bleibt.

Der massive Auszieher unten am Patronenlager ist am Hakenstück gelagert. Zusätzlich ist ein Ejektor vorhanden, um ein schnelles Nachladen zu ermöglichen. Man kann beide Systeme wahlweise benutzen – der Lauf lässt sich so weit abklappen, dass der Auszieher die Hülse lautlos aus dem Lager holt.

Prinz No. 1 Patrone halb ausgezogen
Beim Öffnen senkt sich der Block und das Patronenlager wird frei.

 

Wird der Verschluss noch etwas weiter geöffnet, wirft der Ejektor sie mit einem satten metallischen Geräusch heraus. Je nach Jagdsituation geht das Nachladen also lautlos und langsam oder schnell mit Krach.

Handspannung und Direktabzug
Der Handspannungsschieber auf dem Kolbenhals lässt sich ohne übermäßigen Kraftaufwand betätigen. Drückt man den Knopf auf dem Spannschieber, gleitet dieser in die Ausgangsstellung zurück – bremst man mit dem Daumen, geht das Entspannen lautlos. Öffnet man die gespannte Waffe, entspannt sie automatisch.

Prinz No. 1 Handspannung
Schieber in vorderster Stellung – das Schloss ist jetzt gespannt und die Büchse schussbereit.

 

Der Direktabzug der Jagdpraxis-Testwaffe löste bei 550 g trocken und ohne spür­baren Weg aus – ein optimal justierter Abzug für eine Jagdbüchse, der fein genug steht, um präzise zu schießen, sich aber auch mit kalten Fingern noch händeln lässt, ohne bei der kleinsten Berührung gleich auszulösen.

Auf Wunsch sind auch 250 g Abzugsgewicht ohne weiteres möglich – ob das für eine Jagdwaffe sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage…

Die Testwaffe mit einem 55 cm-Lauf im Kaliber 8,5 x 63 R hatte einen Mündungsdurchmesser von 17 mm – schon etwas kräftiger und damit mehr auf Präzision als auf Leichtgewicht ausgelegt. Ohne Zieloptik bringt die 100 cm kurze Büchse knapp 3,3 kg auf die Waage.

Der Stahlsystemkasten und der etwas stärkere Lauf sorgen für entsprechendes Gewicht, was sich beim Schießen positiv und beim Tragen negativ bemerkbar macht.
Der vordere Riemenbügel ist im optimalen Abstand von 19 cm zur Laufmündung mit einem über den Lauf gezogenen Ring befestigt.

Spezialmontage
Die Testwaffe war mit einem lebhaft gemaserten und bestens polierten Nussbaumschaft ausgestattet. Die Form mit Pistolengriff, leicht gewölbtem Rücken und etwas modifizierter bayerischer Backe mit Doppelfalz wirkt in Verbindung mit dem schmalen Vorderschaft ausgesprochen klassisch und führig.

Die Schaftsenkung ist für den Schuss übers Zielfernrohr ausgelegt. Als Abschluss wurde eine schmale Gummikappe montiert. Der schmale Jagdvorderschaft ist mit einem Patentschnäpper am Lauf befestigt. Das Pistolengriffkäppchen aus Metall ist mattschwarz gehalten. In den Hinter­schaft ist eine Riemenbügelöse geschraubt.

Abgestimmt auf seine neue Kipplaufbüchse hat Oswald Prinz auch gleich eine neue Zielfernrohrmontage entwickelt. Das Unterteil aus zwei Prismensockeln wird aus dem vollen Material des Hakenstückes gearbeitet, so dass nichts auf die Waffe gesetzt und befestigt werden muss.

Das Gegenstück, das mit Ringen oder Schienenmontage am Zielfernrohr befestigt wird, hat passende, gefederte Klemmbacken, die über einen seitlichen Hebel bedient werden. Beim Schließen zentriert sich die Montage selbstständig und verriegelt automatisch.

Prinz No. 1 Montage
Prinz-Montage für die No.1 – drückt man den Knopf am hinteren Ende der Basis, springt die Verriegelung auf.

 

Soll das Glas abgenommen werden, muss ein Druckknopf an der Rückseite des Montagefußes betätigt werden. Dann springt der Klemmhebel auf und das Zielfernrohr kann nach rechts abgekippt werden. Der Druckknopf liegt zwar gut geschützt zwischen Zielfernrohr und Hakenstück, ist aber nicht gegen unbeabsichtigtes Eindrücken gesichert.

In schwierigem Gelände oder am Berg, wo man die Büchse außen am Rucksack transportiert, wäre eine solche Sicherung wünschenswert. Drückt sich der Knopf ein, fällt das Glas von der Waffe…

Prinz No. 1 zerlegt
Zerlegt passt die No.1 in einen kleinen Koffer.

 

Eine elegante Kipplaufbüchse mit einem Zielfernrohr zu versehen, ist immer ein Balanceakt zwischen Praxisbezug und Erscheinungsbild – mit einem lichtstarken Dämmerungsglas lassen sich zwar im letzten Licht austretende Stücke noch sicher erlegen, dafür erschlägt eine solche Sternwarte die schnittige Büchse aber geradezu.

Ein schlankes Zielfernrohr sieht zwar wesentlich eleganter aus, doch wenn man bei nachlassendem Licht vom Fernglas zur Büchse wechselt, sieht man schnell nichts mehr… Doch Bergjäger brauchen in der Regel keine lichtstarke Optik, dafür ist das Swarovski 6 Zi 2,5 - 14 x 44 ein guter Kompromiss – es bietet eine ausreichend hohe Vergrößerung für weite Schüsse und hat genügend Lichtreserven bis in die tiefe Dämmerung. Seine Abmessungen harmonieren noch gut mit der schlanken Prinzessin.

Auf dem Schießstand
Die Testwaffe wurde wie üblich auf 100 m aus dem Schießgestell geschossen (jeder Schuss aus kaltem Lauf). Als Munition standen Patronen vom Labor für Ballistik (LFB/14,6 g Verbundkerngeschoss), von Sax (9 g Kupferjagdgeschoss) und eine Handlaborierung mit dem 14,6 g Hornady SST zur Verfügung.

Fünf Schuss der Handlaborierung lagen auf 1,6 cm zusammen, die LFB-Patrone schaffte 2,2 und das leichte Kupferjagdgeschoss mit 2,8 cm eine immer noch jagdlich sehr gute Präzision.

Kipplaufwaffen sind keine Matchbüchsen – aber was die No. 1 leistet, ist schon beeindruckend. Bei fünf schnell hintereinander abgegebenen Schüssen maß der Streukreis mit der Handlaborierung 2,5 mm. Die Büchse schießt sich sehr angenehm, der Ejektor katapultiert die Hülsen kraftvoll aus dem Lager.

Resümee
Die Prinz No. 1 ist eine elegante und sehr führige Kipplaufbüchse mit extrem stabilem Verschluss und exzellenter Schussleitung. Durch die Handspannung ist ein sicheres Führen möglich, der Abzug löst leicht und trocken aus.

Sie schafft den Spagat zwischen Eleganz und Funktionalität und erwies sich während des Testzeitraumes als überaus zuverlässige Revierbegleiterin – eine Waffe für Liebhaber traditioneller Jagdwaffen, bei denen auf Alu und Kunststoff verzichtet und alles aus dem vollen Material (bevorzugt Stahl) gefräst wird.

In der Grundversion ohne Gravuren und Extras wie im Jagdpraxis-Test kostet eine Prinz No. 1 7700 €. Etwas Zeit muss man aber mitbringen, denn jede Prinzessin wird nach Absprache mit dem Kunden individuell gebaut.

Prinz No. 1 Technische Daten