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Tiroler Jäger retten Rehe aus Tiefschnee

Fr., 15.01.2021 - 13:20
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Anfang Dezember schneite es im österreichischen Sellraintal so stark wie seit 1910 nicht mehr. Über 125 cm Neuschnee fielen innerhalb von 36 Stunden und brachten mehrere Rehe in Lebensgefahr. Nur ein mutiger Einsatz rettete sie.

Im Winter sind die Rehe des Sellrain­tales bei einer Schneedecke nur unterhalb der Waldgrenze anzutreffen. Doch in diesem Winter hatte es bis Anfang Dezember kaum geschneit.

Das Rehwild hielt sich noch im Bereich der Zirmbach­alm (1 800 m) auf, als es von einer unglaublichen Schneefallintensität überrascht wurden. Innerhalb von 12 Stunden schneite es 80 cm und in den darauf­folgenden 24 Stunden noch einmal 45 cm.

Eingeschneit

Mehr als genug für die kleinen Wiederkäuer, um im tiefen, lockeren Neuschnee festzustecken und in der weißen Hölle gefangen zu bleiben. Am Abend des 7. Dezember entdeckten die ersten Jäger des Gebietes Zirmbachalm nach dem Freifräsen der Straße die Rehe.

Anton Steuxner, Jagdpächter des Reviers Zirmbachalm, schildert die Situation: „Die Rehe konnten weder vor noch zurück. Manche waren durch den Kampf mit den Schneemassen derart erschöpft, dass sie kaum ein Lebenszeichen mehr zeigten.“

Rehe im Tiefschnee
Der starke Schneefall überraschte die Rehe und brachte sie in Lebensgefahr. Da Alpentäler oft dicht besiedelt sind, wird dem Wild der natürliche ­Abstieg in die Flussauen verwehrt.

 

Die Bergung der Tiere

Die Jäger Anton Steuxner, Wolfgang Holzer und Erich Prantl rückten am Dienstagmorgen mit Clemens und Lukas Ruetz auf Tourenski aus, um sechs Geißen, Böcke und Kitze lebend zu bergen.

„Bei den Schneemassen war die Rettung der sechs Tiere im Grunde eine leichte Aufgabe,“ sind sich die beiden „Reh-Bergretter“ Clemens Ruetz, Jagdaufseher des Reviers St. Sigmund und sein Bruder Lukas einig.

„Die Tiere kamen kaum voran und einige schienen auf ihre Rettung gewartet zu haben. Nur die Spurarbeit mit den Tourenski durch den metertiefen Neuschnee stellte eine konditionelle Herausforderung dar.

Mit vereinten Kräften aller Beteiligten konnten wir die Rehe zur eineinhalb Kilometer entfernten und 300 Höhenmeter tiefer gelegenen Wildfütterung bringen – wo der Schnee tags zuvor mit einer Helfertruppe niedergetreten wurde.“

Auf Skiern gelang die Bergung der stark geschwächten Rehe. (Foto: J. Pattis)
Dieses Kitz war so geschwächt, dass es sich nicht mehr fortbewegen konnte. (Foto: J. Pattis)

 

Dem sicheren Tod geweiht

Ruetz findet klare Worte zum Schicksal der Tiere: „Für die Rehe hätte die Gefangenschaft im weißen Verlies den sicheren Tod bedeutet. Unsere Aufgabe als Jäger ist nicht nur die Reduktion und die Erhaltung des Wildbestandes im Sinne einer ökologischen Ausgewogenheit, sondern vor allem auch die Hege des Wildes. Die Jagd ist ein essentieller Teil unserer Gesellschaft und Kulturlandschaft – verantwortlich für die Versorgung von Wildtieren die durch die extrem dichte Besiedelung des Alpen­raumes nicht mehr in ihre ursprünglichen Winterlebensräume in den früheren Auenlandschaften der tiefen Täler abwandern können. Die Alpen sind in den Tälern teilweise so dicht besiedelt wie die großen Ballungszentren Europas.“

Jagdpächter Anton Steuxner mit einem der geretteten Böcke. (Foto: J. Pattis)
Jagdpächter Anton Steuxner mit einem der geretteten Böcke. (Foto: J. Pattis)

 

Dringender Appell an Skifahrer

Der passionierte Tierfreund richtet auch einen dringenden Appell an alle Wintersportler und Naturliebhaber:

„Die derzeit großen Schneemengen in Teilen Tirols bedeuten eine drastische Lage für unsere Wildtiere! Ruhe ist jetzt das A und O. Bitte nehmt Abstand von Wildfährten im Schnee und beachtet lokale Wildruhezonen. Fütterungsgebiete sollen unbedingt großräumig umgangen werden.“

Wer auf Wild triff, soll am besten ruhig stehen bleiben und abwarten – keinesfalls die Tiere verfolgen. Wildbergungen sind Profis vorbehalten. Sollte jemand ein Wildtier in einer echten Notlage entdecken, meldet man das am besten im nächsten Gemeindeamt oder bei der Polizei. Von dort aus wird das Jagdschutzpersonal informiert.

Von Freitagabend bis Sonntagfrüh fielen im Sellraintal 125 cm Neuschnee. So viel wie seit 110 Jahren nicht mehr. (Foto: J. Pattis)
Von Freitagabend bis Sonntagfrüh fielen im Sellraintal 125 cm Neuschnee. So viel wie seit 110 Jahren nicht mehr. (Foto: J. Pattis)

 

Glückliches Ende

Inzwischen konnten die Tiere regelmäßig und wohlauf im Nahbereich der Fütterung gesichtet werden. „Im nächsten Frühling werden sie sicher wieder in ihren Sommer- und Herbstlebensraum bei der Zirmbachalm zurückkehren können. Dann hoffentlich ohne einen Wintereinbruch diesen Ausmaßes.“, resümiert die gesamte Truppe abschließend.

Der Autor Lukas Ruetz ist Bergsteiger und Blogger (www.lukasruetz.at). Sein Bruder Clemens ist Aufsichtsjäger im Revier St. Sigmund unterhalb des Skigebietes Kühtai. Ihre Familie betreibt den Alpengasthof Ruetz in St. Sigmund im Sellraintal. Wer die Jagd in einem hochalpinen Alpental kennenlernen möchte, kann sich mit den Brüdern – ggf. über die Redaktion – in Verbindung setzen.