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Test: Mauser M98 Standard

Do., 09.08.2018 - 09:06
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Wenn sich ein Produkt 120 Jahre am Markt behauptet, ist es sicher ausgereift und bewährt. Mauser führte sein legendäres Repetiersystem namensgebend 1898 ein – in zweistelliger Millionenhöhe produziert, wird es bis heute für Jagd-Repetierer verwendet. Dazu werden überwiegend gut erhaltene alte Militär­systeme genutzt. Nach dem Großwildrepetierer produziert Mauser jetzt auch das Standard-System wieder neu, wir haben es getestet. Von Norbert Klups

Die Mauser Werke wurden 1811 als Königliche Gewehrfabrik Oberndorf gegründet, schnell wurden Militärgewehre überall auf dem Globus eingesetzt. Unter Kennern gilt die am
5. April 1898 vom deutschen Kabinett als Gewehr 98 eingeführte Waffe als weltweit bester Militär-Repetierer. Die daraus resultierende Verwendung bei Jagdwaffen war nur logisch – auf der ganzen Welt schätzen Jäger besonders seine Zuverlässigkeit und Robustheit.

Während Repetier militärisch heute kaum noch eine Rolle spielen, konnten sich 98er als Jagdwaffe behaupten. Bis heute werden Repetierer aus alten Militär­karabinern gefertigt und auch neue Systeme hergestellt, meist von kleineren Manufak­turen (Jung, Johannsen, Hartmann & Weiss, Prechtl).

Doch auch Mauser selbst baut wieder 98er. Den Anfang machte das lange System für Großwildbüchsen – nur logisch, denn diese nur zivil genutzten Systeme sind rar und selbst Alte sehr teuer.

Jetzt entstehen in Isny auch wieder kurze Systeme und mit der M 98 Standard eine komplett neu gefertigte Jagdbüchse. Ob es sinnvoll ist, die nur mit großem Aufwand zu fertigenden 98er-Systeme neu herzustellen, wenn noch genügend alte Militärsysteme zu haben sind, hängt davon ab, welche Ansprüche man an Jagdrepetierer hat.

Mauser M98 Kammer
Die Kammer entspricht dem Original – auch mit der dritten Verschlusswarze vor dem Kammerstengel.

 

Militärische 98er, besonders aus den Jahren nach 1938, haben relativ große Toleranzen. Einerseits mussten sie noch im Schlamm funktionieren, andererseits wollte man auch Hersteller beteiligen, die nie zuvor Waffen hergestellt hatten. Enge Toleranzen konnte man sich da kaum leisten. Entsprechend ist der Schlossgang solcher „Kriegsware“ – da schlackerts ordentlich hin und her, wenn man die Kammer vollständig zurückzieht.

Auch die Stahlqualität konnte natürlich heutigen Möglichkeiten nicht entsprechen. Ein guter Büchsenmacher kann beim Bau von Custom-Repetierern aus alten 98ern einiges verbessern, aber die Güte eines mit heutigen Möglichkeiten auf modernen CNC-Maschinen gebauten Systems lässt sich nicht erreichen, und der hohe Anteil an Handarbeit muss bezahlt werden. Daher verwendet man für wirklich teure Custom-Repetierer ausschließlich neu gebaute Systeme.

Wenn es wirklich gut sein soll, scheiden alte Militärsysteme also aus. Das treibt den Preis natürlich in die Höhe, denn selbst mit modernen Mitteln sind eine Menge Arbeitsschritte erforderlich, auch wenn nicht mehr ein so immenser Fertigungsaufwand wie zu Paul Mausers Zeiten besteht. Dazu kommt die extreme Präzision moderner CNC-Zentren. Ausschlag­gebend für den Preis sind produzierte Stückzahlen – Kleinserien sind teuer.

Mauser nutzt den Vorteil, dass man neue 98er Systeme auch für die ebenfalls zur Lüke-Gruppe gehörende Firma Rigby benötigt – produziert bei Mauser im Allgäu. Da lag es nahe, auch wieder eine eigene Büchse anzubieten. Knapp 7 000 € dafür erscheinen auf den ersten Blick viel, doch wirkliche Alternativen, also Custom-Repetierer mit neuem 98er-­System fangen bei 10 000 € gerade mal an …

Mausers neuer M 98 Standard
Die Fertigung erfolgt nach alten Plänen, das gesamte System ist eine ziemlich genaue Reproduktion des Mauser-Verschlusses: zwei Warzen, die linke im Kammerkopf geschlitzt, eine Sicherheitswarze in der hinteren Hülsenbrücke und der bewährte seitliche Auszieher.

Nicht übernommen wurde die Flügelsicherung – bedienbar nur mit sehr hohen Zielfernrohrmontagen. Stattdessen hat der neue 98er eine vertikal arbeitetende Dreistellungs-Sicherung. Auch sie sperrt in zurückgenommener Position Kammer und Schlagbolzen – nicht klassisch, aber praktisch.

Mauser M98 Standard Sicherung
Die horizontal bedienbare Dreistellungssicherung sperrt wie bei der Flügelsicherung die Schlagbolzenmutter.

 

Die RWJ-Testwaffe war mit der speziell für das System entwickelten Hexalock-Montage ausgestattet. Verriegelt wird mit jeweils drei Warzen an Vorder- und Hinterfuß. Die Montage wird von oben aufgesetzt und mit den Drehverschlüssen gesichert. Sie baut sehr niedrig und ist einfach zu handhaben.

Der trocken eingestellte Flintenabzug unserer Testwaffe brach bei 950 g.
In den massiven, aus dem Vollen gearbeiteten Magazinkasten passen fünf Standardpatronen. Die Verriegelung des Klappdeckels im Abzugsbügel ist so stramm, dass unbeabsichtigtes Öffnen kaum zu befürchten ist. Beeindruckend ist der butterweiche Schlossgang – es lässt sich sehr leicht und ruckfrei repetieren, Spiel ist kaum feststellbar. Selbst teure Custom-Repetierer aus neuen Systemen kennen einen so exzellenten Schlossgang kaum. Allein mit präziser CNC-Fertigung lässt sich das nicht erreichen, offenbar wird im Allgäu penibel von Hand nachpoliert. Auch das Öffnen nach dem Schuss fällt durch eine etwas schwächere Schlagbolzenfeder deutlich leichter.

Mauser M98 Abzug
Der kompakte Direktabzug ist auf 950 g eingestellt.

 

Manko von 98ern ist ihr Öffnungswinkel (90 Grad), durch den Militär­systeme für Zielfernrohrmontagen umfangreiche Modifikationen des Kammer­stengels benötigen. Beim neuen Standard wählte Mauser den Stengelfuß so niedrig wie möglich und schliff zusätzlich eine Auskehlung in den Kammer­stengel. Beides zusammen ermöglicht relativ niedrige Montagen.

Kalt geschmiedeter Lauf mit robuster offener Visierung
Korn- sowie Visiersattel und vorderer Riemen­bügel sind in bester Tradition mit einem Ring über den kalt geschmiedeten 56 cm-Lauf gezogen und verlötet. Zum angenehmen Tragen am Riemen sitzt der vordere Bügel mit 25,5 cm optimal zur Laufmündung. Das Fluchtvisier ist zum schnellen Schuss auf Kurzdistanz ausgelegt. Die Kimme hat einen silbernen Mittelstrich, das 3 mm-Silberperlkorn ist in der Höhe und das Kimmenblatt seitlich verstellbar.

Mit Ausnahme von Kammer, Schlagbolzenmutter und Schlosshalter-Feder sind alle Metallteile mattschwarz plasma­nitriert – ein ausgezeichneter Oberflächen­schutz. Auch wenn Traditionalisten der klassischen Hochglanzbrünierung nachtrauern – Gebrauchswaffen schützt die Plasma-Nitrierung um Klassen besser.

Mauser M98 Magazindeckel
Klappbarer Magazindeckel mit Drücker im Abzugsbügel.

 

Schnittiger Sporter-Schaft
Blickfang ist der schlanke, schnittige Schaft mit geradem Rücken und deutscher Backe. Der Vorderschaft verjüngt sich stark nach vorn und endet in einer Schaftnase aus schwarzem Edelholz. Der flache Pistolengriff betont die gestreckte Linie der eleganten Büchse. Vorderschaft und Pistolengriff sind mit feiner Fischhaut verschnitten. Die Fischhaut der RWJ-Testwaffe war fehlerfrei und hielt auch der Betrachtung unter der Lupe stand. Abgeschlossen wird der Schaft mit einer unventilierten 15 mm-Gummikappe. In das stählerne Pistolengriffkäppchen ist das Mauser-Wappen graviert. Das Nussbaumholz der Klasse 5 ist matt geölt, die Holz-Metallpassung sorgsam ausgeführt, eine Kunstharz-Bettung sorgt für exakten Systemsitz.

Mauser M98 Kunstharz-Systembettung
Die Kunstharz-Bettung sorgt für einen spannungs­freien Sitz des Systems.

 

Auf dem Schießstand
Auf die Testwaffe im Kaliber .30-06 kam mit der Hexalock-Montage ein Zeiss Victory HT 3-12x56. Als Munition wurde RWS Evo Green (139 grs.) und Hornadys neue ELD-X (178 grs.) benutzt. Die ohne Zieloptik 3 750 g schwere Büchse schoss sich sehr angenehm. Streukreise (fünf Schüsse/100 m) maßen 24 und 22 mm – erstklassig präzise.

Resümee: Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die neue Standard der beste 98er ist, den Mauser je gebaut hat. Die genialen Ideen der Gebrüder Mauser, kombiniert mit heutigen Fertigungsmöglichkeiten und modernem Stahl, ergeben ein System, das bei höchstmöglicher Funktionssicherheit auch noch butterweich läuft. Vom rauhen Charme des 98er System ist nichts mehr zu spüren – eine Büchse für Liebhaber klassischer Repetierer, die Wert auf beste Verarbeitungsgüte legen.

Kaliberpalette: 30-06, .308 Win., 7 x 57, 8 x 57 IS, 9,3 x 62

Preis: 6.995 €