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Jägerin zeigt Hundehalter an

Do., 08.07.2021 - 20:17
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Weil die Situation mit wildernden Hunden im Ennepe-Ruhr-Kreis immer weiter eskalierte, hat eine Jagdpächterin aus Ennepetal nun Anzeige wegen Jagdwil-derei gegen einen Hundehalter erstattet.

"Rehwild jagen wir bei uns schon lange nicht mehr", sagt Katrin Latuske. Die Waidfrau ist seit 12 Jahren Pächterin eines 388-Hektar-Revieres im nördlichen Ennepetaler Ortsteil Meininghausen. In ihrem Revier, das überwiegend aus Grünlandflächen mit einem Waldanteil von etwa 40 Prozent besteht, habe sie auf anfänglichen Morgenansitzen noch bis zu 20 Stück Rehwild auf einigen Wiesen zählen können, auf denen sie heute nur noch einzelne Stücke im letzten Büchsenlicht ausmachen kann. Seit einigen Jahren habe sie im Schnitt jährlich 25 Capreoli durch Hunderisse oder -hetzen verloren, "da brauchen Sie nicht mehr zu jagen. Allein in der Blattzeit 2019 sind bei mir innerhalb von nur vier Tagen sieben Böcke gerissen worden", beklagt Latuske. Eine Ursache für die Zunahme hat sie bereits ausgemacht: Seit der Corona-Pandemie würden Waldbesucher immer rücksichtsloser. Sogar Elektronikschrott sei in ihrem Revier, in dem auch eine FFH-Fläche liege, schon abgeladen worden. Fordere sie bei Reviergängen Hundespaziergänger, deren Tiere sie hetzlaut höre auf, ihre Hunde mit Blick auf die Setz- und Brutzeit doch bitte hereinzurufen und anzuleinen, werde sie nicht selten übel bepöbelt.

Hilfe durch Anwohner

Als am 27. Juni neuerlich drei Hunde freilaufend in ihrem Revier einer Ricke mit Kitz nachstellten, habe sie unerwarteten Beistand eines beherzten Anwohners erhalten. Die Ricke sei den Hunden zwar entkommen, nicht aber das Kitz. Genau das wurde von einem Anwohner beobachtet, der den Kitzreißer dingfest machte und die Polizei rief. Die traf am Ort des Geschehens schließlich auf den Hundehalter, der von dem Anwohner die Herausgabe seines Hundes forderte und konnte so die Personalien des Halters feststellen. Nun liegt die Sache bei der Unteren Jagdbehörde und dem Ordnungsamt. Auch für die Pächterin war das Maß nun voll, sie stellte Strafantrag wegen Jagdwilderei.  Erst Anfang Mai war bei ihr eine drei Kitze tragende Ricke gerissen worden, Anfang Juli verendete ein von Hunden gehetzter Bock, nachdem er sich in einem schmiedeeisernen Tor in der angrenzenden Siedlung verfangen hatte. "Wie schwer verletztes Rehwild klagen kann, brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen", so die Jägerin gegenüber jagdpraxis.de.

Nicht zum ersten Mal fiel in Latuskes Revier eine tragende Ricke Hunden zum Opfer.

 

Ihre härtere Gangart ist nicht nur Folge der zunehmender Wildverluste durch vollkommen uneinsichtige und offenkundig unfähige Hundehalter. "Wenn Sie die Leute ansprechen, werden sie ja nicht nur angepöbelt und beleidigt, oft finden Sie kurz nach solchen Begegnungen auch noch angesägte Leitern oder gar umgelegte Hochsitze vor. Vor nicht allzu langer Zeit habe man eine ihrer Kanzeln sogar kurzerhand mit einem an einem PKW befestigten Seil komplett umgerissen, wie Reifenspuren am Ort des Geschehens belegten.

Hegeringleiterin bestätigt Übergriffe

Die Ennepetaler Hegeringleiterin Beate Flockenhaus kennt das Problem. Sie wisse von 30 Kanzeln in der Gegend, die - wohl im Rahmen einer Rundfahrt - in nur einer Nacht offenkundig mit Kettensägen umgelegt worden sind, so Flockenhaus.

Auch in Latuskes Revier häufige "Quittung" für Kritik an Hundespaziergängern.

 

Und Gewalttätigkeiten von Hundehaltern (sofern dieser Begriff noch anwendbar ist) habe sie selbst schon am eigenen Leibe erfahren. Als sie mit ihrem wasserfreudigen DJT und einer befreundeten Teckelhalterin an einem Gewässer zur Einarbeitung des Teckels Anfang Juni unterwegs war, erschien dort ein Rudel von sechs unterschiedlichen Hunden laut bellend, gefolgt von zwei Männern. Als die Hegeringleiterin erfolglos darum bat, die Hunde doch anzuleinen, bis sie sich entfernt hätten und die Szenerie zu fotografieren versuchte, sei sie von einem der beiden Männer angegriffen und zu Boden gerissen worden. Anschließend habe dieser mehrfach auf sie eingetreten.

Auf die Pressearbeit ihres Hegerings, die die Kitzrettung mittels Drohne zum Gegenstand hatte und an die Rücksichtnahme von Hundehaltern in der Setz- und Brutzeit appellierte, habe sie zwar viel positives Feedback erhalten: "Da hatte ich ganz viele Anrufe von verständnisvollen Hundehaltern, die sich erkundigten, wie man sich am besten verhält." Nach ihrer Einschätzung seien die spätestens seit Corona jedoch leider in der Minderheit. "In der Zeit haben sich offenbar viele Menschen aus Langeweile einen Hund angeschafft", meint die Jägerin. Ein Eindruck, der mit den jüngsten Klagen überfüllter Tierheime über einen "Haustier-Boom" in der Pandemie zusammenpasst.

Hunde aus dem Tierschutz?

Angesichts vieler teils undefinierbarer Mischlingshunde, denen man begegne, haben beide Waidfrauen überdies den Eindruck, nicht wenige der freilaufenden Wilderer stammten aus dem Tierschutz. Für Katrin Latuske einer der Gründe, die Forderung wildernde Hunde einfach abzuschießen, zurückzuweisen: "Wenn Sie so einen armen Straßenköter aus Südosteuropa herholen, der in seinem Herkunftsland zusehen musste, wie er überlebt - wie wollen Sie dem einen Jagdinstinkt verübeln?" Das Problem liege da doch eher deutlich am oberen Ende der oftmals gar nicht erst vorhandenen Leine.

Halter anzeigen statt wildernde Hunde schießen, ist die Linie Katrin Latuskes.

 

Ein Eindruck, der sich auch bei der Hegeringleiterin verfestigt hat. Als sie in der Setzzeit gleich eine ganze Horde tollender Hunde und ihre Halter in einer hohen Wiese antraf und auf die daraus resultierenden Probleme für das Jungwild aufmerksam machte, habe eine Frau ihr bloß entgegnet: "Setz- und Brutzeiten? Wo steht sowas denn geschrieben?" Anschließend sei sie mit mehreren Hunden in einem Kombi mit Bochumer Kennzeichen verschwunden - mit der Bemerkung an die als solche nicht erkennbare Jägerin, dass sie froh sei, hier nicht zu wohnen.

Das Erlebnis verweist auf ein weiteres Problem, solcher Rücksichtslosigkeit mit den Mitteln des Ordnungsrechts zu begegnen: Die örtlich oft unbekannten Hundehalter kommen mit ihren Hunden aus den umliegenden Städten in die eher ländliche Region, weil man dort die Hunde "so prima unangeleint lostoben lassen kann". Zumindest im jüngsten Fall ging diese Rechnung aber doch nicht auf. Weswegen Katrin Latuske auch nicht davor zurückschreckt, auch in Zukunft mit polizeilicher Hilfe gegen solche rücksichtslosen Zeitgenossen einzuschreiten - wenn sie deren Identität denn erst einmal ermitteln kann.