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Test: Fuji ST 12x28

Fr., 18.10.2019 - 13:41
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Ein Fernglas mit hoher Vergrößerung mag noch so eine gute Optik haben – wenn es beim Durchschauen wackelt, ist nicht mehr viel erkennbar. Neben Abstützen oder Auflegen gibt es noch eine dritte Möglichkeit für ruhige Bilder - einen eingebauten Stabilisator. Norbert Klups hat das Fuji 12x28 getestet.

Optik, die man frei in den Händen hält, wackelt zwangsläufig immer etwas. Darunter leidet die Detail­erkennbarkeit, und ein zweiter Nachteil ist noch gravierender – die Augen ermüden bei längerem Einsatz sehr stark.

Unser Gehirn ist zwar in der Lage, viele Einzelbilder, die durch Wackeln entstehen, wieder zusammenzusetzen, aber das ist anstrengend. Ähnlich wie bei einem Computer-Bildschirm mit zu niedriger Auflösung – wer eine Zeitlang darauf starrt, fühlt sich unweigerlich unwohl.

Um mehr zu erkennen und ermüdungs­frei zu beobachten, ist es also nötig, das Wackeln auszuschalten. Die klassische Methode dazu wäre ein Stativ oder eine Auflage – im Jagdbetrieb nur sehr selten praktikabel.

Daher bevorzugen Jäger meist Ferngläser mit nicht allzu hoher Vergrößerung (max. 8-fach), weil damit sicht­bares Wackeln (Handunruhe) geringer ist. Von großem Vorteil ist es da, wenn Ferngläser quasi „von selbst“ für wackelfreie Bilder sorgen – technisch möglich.

Bereits 1990 brachte Zeiss das 20 x 60 S mit Bildstabilisator auf den Markt, eine technisch-optische Meisterleistung, die selbst bei 20-facher Vergrößerung wackelfreie Bilder liefert.

Diese Spitzenoptik wird bis heute gebaut, zum Verkaufsschlager brachte sie es allerdings nie – bei stolzen 1.660 g und noch stolzeren 6.000 € ...

Das Wunderwerk arbeitet mit einem mechanischen Stabilisator (kardanisches Federwerk), der eingeschaltet außerdem recht empfindlich auf Stöße reagiert.

Angelehnt an Foto-Objektive
Es geht heute deutlich kostengünstiger, leichter und kompakter, und zwar mit Technik aus Fotoobjektiven, bei denen Stabilisatoren heute die Regel sind. Fast jedes moderne Tele verfügt über eingebaute Stabilisatoren für scharfe Bilder bei hoher Vergrößerung.

Alle Großen nutzen diese Technik – bei Kamera-Herstellern, die auch Sport-Optik im Angebot haben, auch in Ferngläsern.

Das Jagdpraxis-Testglas kam von Fujinon, wo auch für den maritimen und militärischen Bereich Ferngläser hergestellt werden, Canon oder Nikon haben ähnliche Produkte im Angebot.

Das ST 12 x 28 wurde zum Pirschen, bei der Bergjagd und im Ausland eingesetzt, daneben bieten die Japaner auch noch ein (allerdings recht voluminöses) 14 x 40er an.

So funktionieren Stabilisatoren
Das Fuji arbeitet elektronisch, benötigt also Batterien. Eine CR 2-Lithium-Zelle liefert Saft für 12 Stunden, wobei eine Abschalt-Automatik nach 10 Minuten dafür sorgt, dass Strom gespart wird.

Fuji ST 12x28
Die Energie liefert eine CR 2-Lithium-Batterie – das Fach dafür liegt unter den Objektiven.

 

Die Elektronik erkennt und analysiert kleinste Verwacklungen und korrigiert den Winkel des einfallenden Lichts durch sofortige Linsenverschiebungen genau um diesen Bereich, sodass ein klarer und ruhiger Blick gewährleistet wird.

Korrigiert werden Vibrationen von +/– 3 Grad. Der Stabilisator erkennt neben klas­sischen Handwacklern viele andere uner­wünschte Bewegungen, wie sie etwa bei Verwendung aus fahrenden Fahrzeugen oder Booten entstehen – und kompensiert sogar langsame Verwacklungen allein durch die Atmung!

Die Bedienung ist sehr einfach – um den Stabilisator einzuschalten, dreht man lediglich den Hebel vor der Schärfe-Fokussierung von off auf on. Eine grüne Kontroll-LED zeigt, dass er arbeitet – leuchtet sie nicht, ist eine neue Batterie fällig.

Fuji ST 12x28 Bedienhebel
Der Hebel für den Stabilisator liegt vor dem Fokussierrad – die Erscheinung weicht von der gewohnten Form eines Fernglases ab.

 

Am rechten Okular ist der Dioptrie-Ausgleich angebracht, scharf gestellt wird über den Mitteltrieb, Brillenträgern steht durch Drehaugenmuscheln das volle Sehfeld (immerhin 73 m) zur Verfügung.

In puncto Design weicht das Fuji etwas von der gewohnten Erscheinung eines Fernglases ab – die benötigte Elektronik braucht halt Platz. Aus dem fast quadratischen Mittelstück ragen vorn die Objektive und hinten die einzel schwenkbaren Okulare.

Letztere sind miteinander verbunden, man muss also nur ein Okular bewegen, um den Augenabstand einzustellen, das andere folgt automatisch. Daran gewöhnt man sich aber schnell.

Bestechend ist das geringe Gewicht von lediglich 420 g – besonders bei der anstrengenden Jagd im Gebirge ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Der Körper aus Fiberglas ist mit einer sehr dünnen Belederung versehen – eher, um das Glas rutschfest zu machen, als um dadurch Stöße abzufangen.

Das Gehäuse ist zwar spritzwasser-geschützt, aber keinesfalls wasserdicht – man sollte das Fuji also auch behandeln wie eine Kamera.

Fuji ST 12x28 Drehaugenmuscheln
Die Drehaugenmuscheln erschließen auch Brillenträgern das volle Sehfeld.

 

Im Revier
Optisch ist das Fujinon in der Mittelklasse anzusiedeln, es liefert kontrast­reiche, farbtreue Bilder. Eine leichte Rand­unschärfe ist vorhanden. Durch den kleinen Objektivdurchmesser von 28 mm wirds bei zunehmender Dämmerung natürlich schnell dunkel.

Fuji ST 12x28 Objektive
Die 28 mm-Objektive sind nicht sehr lichtstark.

 

Eine solche Optik ist ein reines Tageslichtglas – und unter diesen Bedingungen gibts auch an der Abbildungsqualität  nichts zu meckern. Der Wow-Effekt kommt unweigerlich, wenn man beim Beobachten den Stabilisator-Hebel umlegt – schlagartig wirkt das Bild wie eingefroren.

Nichts wackelt mehr, und man erkennt plötzlich Details, die vorher nicht sichtbar waren, wie kleinste Vereckungen und Perlen am Gehörn eines Bocks ... und manchmal wird so aus einem Schmalreh plötzlich ein Knopfbock – der Effekt ist verblüffend, dass man glaubt, sich ein Foto anzusehen.

Auch einhändiges Beobachten ist kein Problem, der Stabilisator gleicht auch dabei Handunruhe vollkommen aus – sehr angenehm, bei einer kleinen Pirschfahrt durchs Revier einhändig aus dem langsam fahrenden Auto zu beobachten und ein vollkommen ruhiges Bild zu haben.

Der Stromverbrauch ist sehr gering, das Jagdpraxis-Testglas war zwei Monate im Dauereinsatz – und die Batterien waren immer noch nicht leer.

Fuji ST 12x28
Zum Lieferumfang gehören ein Trageriemen und eine weiche Tasche.

 

Resümee
Fujis Stabilisator-System funktioniert hervorragend und erlaubt wackelfreies Beobachten selbst bei 12facher Vergrößerung aus freier Hand. Bei der Pirsch und Bergjagd oder einer Safari ist ein bildstabilisiertes Fernglas jeder normalen Optik (und sei sie fünfmal teurer!) haushoch überlegen.

Fujis kleines Technik-Wunderwerk kostet 790 €, wer etwas sucht, wird schon für unter 700 € fündig. Zum Lieferumfang gehören ein Trageriemen und eine weiche Aufbewahrungstasche.

Technische Daten Fuji ST 12x28